Kinofreude pur bei einem Job, der keine Arbeit war.

Die in mir tief verwurzelte Liebe zum Bewegtbild begann in meiner Kindheit, schlängelte sich wie ein abgerollter 35mm-Film durch meine Jugend und wurde in einem Nebenjob gefestigt, aus dem ich einige elementare Erfahrungen für mein späteres Leben mitnehmen konnte. Meine Erinnerungen an diese nachhaltig prägende Zeit sind immer noch so dicht und lebendig, dass mir jetzt, während ich schreibe, der Kopf übersprudelt von Bildern, Anekdoten und Gefühlen. Es gibt auf unseren Lebenswegen unzählige Momente, aber nur wenige echte Meilensteine. Meine Zeit im familiär geführten, traditionellen Familienkino aus meiner damaligen Heimat gehört definitiv zu den markantesten Eckpunkten meines Lebens.

Über mich selbst und mein Leben zu sinnieren ist mir quasi als Automatismus in die Wiege gelegt. Manchmal komme ich mir selbst zu grüblerisch vor und knuffe mich dann innerlich an: Komm, ist gut jetzt, nicht hadern. Dennoch hatte das Nachdenken, Nachsinnen und Grübeln immer auch etwas Gutes wie ich finde: ich reflektiere viel. Wenn ich dann mir gegenüber selbst in eine kritische Grundhaltung gehe und mich mit etwas mehr Lebensweisheit in der Rückschau betrachte, sehen manche Dinge schon anders aus. Alles hat seine Zeit, habe ich in meiner Erziehung oft gehört – zumeist um mir indirekt mitzuteilen, dass ein Film ab 16 oder aufwärts für einen Zwölfjährigen eben noch nichts ist – andereseits um mich darin zu bestärken, manches loszulassen, wenn es vorbei ist. Zugegeben, das Loslassen dieses Nebenjobs hat aus verschiedenen Gründen ein paar Jahre gedauert. Es ist kompliziert, wie man gerne auf Facebook liest, oder besser: komplex.

Wenn ich mein eigenes Erleben der Phase um das 18te Lebensjahr Revue passieren lasse, damals, früher, einst, stelle ich fest: mein Sein war geprägt von Ups & Downs und erfüllt von der Überzeugung, dass ich einfach alles (besser) weiß. Testosteron sei Dank öffnete ich mich dem weiblichen Geschlecht und stellte mit Entsetzen fest, dass Klugscheissertum eben doch nicht der Schlüssel zu den Herzen der Mädels ist. Richtig in der Patsche saß ich dann allerdings, als mir aufging, dass ein Weg zum Herzen der Angebeteten auch durch den Magen führen könnte … sofern ich in der Fertigkeit des Kochens bewandert gewesen wäre. Selber Kochen zu lernen kam mir als eventuelle Problemlösung selbstredend nicht in den Sinn.

Wenn man dann noch das Dorffestleben nicht für sich adaptieren kann, weil es einfach nicht mit der inneren Grundstimmung korrelieren will, steht man vor der Frage: was jetzt? Da damals Vermeidungshaltung und Flucht vor Realitäten bei mir ohnehin hoch im Kurs standen, nutze ich die einmalige Gelegenheit, die ein damaliger, lieber Klassenkamerad mir bot und folgte seinem Angebot eines Nebenjobs im heimischen Kino des Nachstädtchens. Natürlich musste ich mich hierum in letzter Instanz doch noch selbst kümmern – also zum Kino hingehen, den Betreiber ansprechen, mich vorstellen und ein Gespräch führen. Damals für mich ein Kampf! Aus heutige Sicht wundert man sich ja oft, woraus man früher ein Thema gemacht hat. Scheinbar habe ich einen positiven Eindruck hinterlassen, denn kurze Zeit später war ich Abreisser in meinem Jugendkino – man beachte das besitzanzeigende Fürwort!

Ich habe diesen Job mit jeder Faser meines Körpers geliebt! Schon die Fahrradfahrt zum Kino mit Walkman und Kopfhörern auf den Ohren war wie das Einstimmen auf ein tolles Event. Alle Arbeiten die anfielen, habe ich gerne verrichtet: das Vorbereiten & Reinigen des Saales, Vorräte und Auslage auffüllen, Fegen und was sonst so anfiel. Die Beleuchtung korrekt einschalten, für Musik sorgen, die Besucher einlassen und freundliche Begrüßungen aussprechen, eben Details, um unsere Besucher auf den bevorstehenden Abend einzustimmen. Was ich zuhause an Freundlichkeit nicht rauslassen konnte (oder wollte) hatte nun eine Wirkstätte gefunden, die mir würdig und angemessen schien, um sie zu platzieren. Faktisch kann man sagen, dass ich hier (beruflich betrachtet) den ersten richtigen Motivationsboost erhalten habe, im Leben alles ganz anders und sowieso besser zu machen als bisher.

Das familiär geführte Kino hatte mich beim ersten, gemeinsamen Besuch mit meinem Vater verzaubert und stets eine magische Stimmung in mir erwecken können. Als Nebenjobber hatte sich dieses Gefühl eher noch bestärkt und der Betreiber Curt Prinzbach mit seiner unaufgeregten, uneitlen, ruhigen und altersbedingten Lebenserfahrung Akzente gesetzt. Ich kann mich erinnern, dass ich mir gerade an schlechten Tagen besonders Mühe gegeben habe, alles richtig zu machen, um ihn nicht zu enttäuschen.

Selbst heute noch, wenn ich die eigene Popcornmaschine anwerfe und der betörende Kinoduft durchs Haus zieht, halte ich inne, schwelge in Erinnerungen und bedanke mich für die erlebte Zeit. Sie war so voller Träume, prägender Filme, den Charakter formender Gespräche und Nebenschauplätze, dass ich sie heute als eine der wichtigsten Epochen in meinem Leben einschätze.

Ich kann mich gut erinnern, dass ich mein Zimmer mit Postern, die Curt Prinzbach mir geschenkt hatte, so voll geklebt hatte, dass kein Zentimeter Wand mehr zu sehen war. Es versteht sich von selbst, dass auch die Decke nicht mehr zu erkennen war! Viele Filmmusiken, die ich heute gerne höre, habe ich damals das erste Mal im Saal Rio hören können. Heute sind Soundtracks eine große Leidenschaft für mich. Definitiv Fakt ist auch die Konsumierdichte an Filmen damals, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen habe ich das gesamte Programm gesehen und zusätzlich viele, viele VHS-Filme.

Als ich lernen durfte, wie man Filme richtig einlegt und vorführt, war ich im Himmel oder besser gesagt im Vorführraum – was letztlich das Gleiche bedeutete. Hinter den Kulissen ist dort, wo ich sein möchte und auch ideologisch mag ich allem auf den Grund gehen und hinter Masken schauen.

Da ich mit der Zeit irgendwie die Verpflichtung verpürt hatte, Kontrollgänge wie mein Cheef durchzuführen, waren wir an vielen Abenden zu zweit im Kino. Abgesehen von kleineren Gesprächen hier und da über das Leben oder Themen des aktuellen Zeitgeschehens, waren unsere Konversationen überwiegend auf Kinothemen fokussiert. Vermutlich auch, weil ich an allem im Kino interessiert war und ihm Löcher in den Bauch fragte. Es war ein tolles Gefühl, gemeinsam zu „fachsimpeln“ und nebenbei die Technik im Auge zu behalten. Ich wähnte mich als gute Hilfe und Unterstützung und Herr Prinzbach hat mein Engagement ab und an mit einem Augenzwinkern und einem lockeren, wohlwollenden Spruch kommentiert. Jahrzehnte an Kinoerfahrung in Person und eben ich, der Neuerleuchtete. Er hatte in der ganzen Zeit nie versucht mich zu ändern, sondern mich so angenommen wie ich war und sich nie lustig gemacht über den jungen Spund, der ich in letzter Konsequenz eben noch war. Heute weiß ich, dass ich eine ganz wesentliche Eigenschaft unbewusst von ihm adaptierte: im Leben das mit Eifer und Fleiß zu tun, was man am meisten liebt und dazu mit Freude und Gelassenheit. Meine heutige Geduld, Menschen etwas zu erklären und beizubringen, geht neben meinem Vater auch auf ihn zurück.

Ja, ja, so ist das!

Curt Prinzbach

Was erfreut das Kinobetreiberherz neben guten Verträgen mit den Verleihern am meisten? Natürlich volle Säle, wenn ein Blockbuster einschlägt. Ich habe mehrere miterlebt und der Größte von ihnen hat uns alle wochenlang schwitzen lassen, weil wir fast durchgehend ausverkauft waren: Titanic. Es waren tolle Abende in jenem Sommer und so manches Spaghetti-Eis wurde von uns vor dem Kino verspeist – meines mit Extra-Sahne und seines mit Joghurt-Eis, satt Vanille. Laue Vollmondsommernächte und gemeinsame Dienste führten, wie es das Schicksal so will, zur ersten großen Verliebtheit. Da Freud und Leid allerdings leider oftmals nah beisammen liegen, stürzte meine Hochstimmung irgendwann in den Keller unter dem Keller – die große Liebe blieb unverständlicherweise unerwidert. Unverstanden von allen steigerte ich mich in einen Weltuntergangsherzschmerz und wurde mehr und mehr zum nervigen Typen, mit dem nichts anzufangen war. Letztlich legte sich der Schmerz, mein Herz zerbrach entgegen aller Befürchtungen nicht und Narben sind auch keine zurückgeblieben.

Es sind die vielen, vielen Details, die es im Leben ausmachen, die eine Zeit so facettenreich, tiefgreifend, farbig und gefühlvoll machen. Als ich im neuen Saal Scala den oscarprämierten Film Good Will Hunting sah, war ich sehr beeindruckt von der Geschichte des jungen Protagonisten, den Bildern, Dialogen und der Filmmusik. Ich habe diesen Film über zehn mal sehen können und öfter auch vom Cheef eine Kleinigkeit Süßes spendiert bekommen. Diese Gutherzigkeit habe ich in meinem Herzen abgespeichert und lebe heute nach der gleichen Art.

Womit ich als Kind immer Schwierigkeiten hatte war die Erwartungshaltung an Disziplin, die man an mich stellte. Zu sagen, dass meine Eltern daran gescheitert sind, wäre einfach gesagt, aber trotzdem falsch. Ich habe die Disziplin immer abgelehnt, weil ich es nicht einsah, mich an Regeln zu halten. Als ich dann auch noch ausserhalb des Elternhauses mit diesem Thema, diesmal in Form von Curt Prinzbachs hoher Beständigkeit bei seinem Tagespensum, in Berührung kam, war das natürlich etwas ganz anderes. Die Disziplin, die er als Kinobetreiber an den Tag gelegt hat, wurde mir nachahmungswürdige Selbstverständlichkeit! Sein Tag war aufgrund des Kino-Programms durchgetaktet und insbesondere Abends minutiös festgelegt: Beginn der Abdunkelung der Säle, Start der Diawerbung, Kontrolle, ob alle Filme und Werbungen korrekt vorbereitet und eingefädelt sind – damals war man auf große Plattenteller umgestiegen – alles musste im richtigen Moment geschehen, war festgelegt, es gab keinen Raum für Das mache ich jetzt mal anders. Erkenntnis fürs Leben: Rebellentum kann man nicht immer anwenden. Beständigkeit und Pflichterfüllung fallen mir heute noch schwer, aber damals zu lernen, wann man abliefern muss, war wesentlich.

Mit der Distanz von über 20 Lebensjahren, die nun zwischen der damaligen und meiner heutigen Welt liegen, muss ich über den kleinen Jungerwachsenen lächeln und ab und an ertappe ich mich sogar dabei, wie ich mir wegen meines damaligen Verhaltens selbst die Hand vor die Stirn patschen möchte. Hinterher ist man bekanntermaßen immer schlauer, zumeist jedenfalls um Erfahrungen reicher. Man muss ja erst sein Leben leben, um die Lehren des Lebens zu erkennen. So empfinde ich es jedenfalls. Die Lehren aus damals hab ich tief in mir verankert, gespeichert und trage sie in meinem Herzen. Es war die schiere Summe an Einflüssen in einer relativ kurzen Zeit, die mich so stark geprägt hat.

Erinnern kann ich mich beispielsweise noch sehr deutlich an das kleine Dienstbuch, in welches wir Nebenjobber unsere Anwesenheit eintrugen: sehr schmal und hochkant. Moni, die Frau des Cheefs, hatte mal darin geblättert und mich gefragt, wo ich meine Matratze im Keller versteckt hätte. Mein Gesichtsausdruck muss Bände gesprochen haben, denn sie beantworte ihre Frage gleich selbst: Na, bisch seit zwei Woche jed’n Dag do g’wese. Oh! So klar ausgesproche Wahrheiten wirken dann doch nach. Ich glaube, ich hatte geantwortet, dass ich einfach gerne im Kino bin – als ob das nicht eh schon jeder schon gewusst hatte. Mein gelegentlich auftretender Hang zur Übertreibung und eine gewisse, sich zumeist eher gering zeigende Reinsteigermentalität mag sich hier möglicherweise zaghaft gezeigt haben.

Jede Zeit geht vorüber, alles ist endlich, und so auch meine Kinozeit. Es folgten weitere Lebensstationen, die mich hinfort führten und andere Lebenswege nötig machten. Schlussendlich zog die Familie zurück in die ursprüngliche Heimat, das Rheinland, um dort ein anderes Leben zu beginnen. Der Loslassprozess war schwer, weil ich eine Herzensangelegenheit aufgeben musste, die ich innerlich aber lange festzuhalten versuchte. Ich stellte viele Überlegungen an, zurückzugehen und dort im Umfeld ein Leben aufzubauen, scheiterte aber an meiner eigenen Unbeständigkeit und Disziplinlosigkeit. An diesem inneren Scheitern bin ich viele Jahre schwer ins Gericht gegangen, habe mich sehr verurteilt und sogar einen Versager getauft. Das schlimme an Selbstzweifeln ist, dass es immer genug Nahrung für diese Meinung und Haltung gibt und damit mehr als genug Gründe, die man sich in langen Monologen selbst vorbeten kann … bis man es eben glaubt.

Schmerzhafte Erkenntnis: erkenne, wenn etwas vorbei ist und lege es ab. Wenn es schmerzt, muss man sich Zeit nehmen und bewusst den Prozess des Loslassens begehen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass der Schmerz zu einem immer schwerer werdenden Klumpen anwächst, der solange nicht verschwindet, bis man ihn Stück für Stück auflöst. Man merkt erst hinterher, wie schwer er war, wenn man wieder die Leichtigkeit verspürt.

Lieber Curt Prinzbach, vielen vielen Dank, dass ich meine Zeit bei Ihnen verbringen durfte und so viel mitnehmen konnte.
In großer Dankbarkeit, Ihr Stephan Keßler.

Hier geht es zur Webseite des Kinos: https://www.kinohaslach.de
Und deren Facebook-Seite: https://www.facebook.com/KinocenterHaslach

Diesen Beitrag anderen empfehlen ...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.