Schuld erzeugt Spannung.

Wenn man unsere Gesellschaft mit der Kausalitätsbrille betrachtet, muss man früher oder später die Wahrheit anerkennen, dass sie im Innern auf Schuld aufgebaut ist. Gleichwohl muss man historisch das Thema Schuld anders betrachten und sich der Wahrheit öffnen, dass Schuld nicht gleich Verantwortlichkeit ist. Unbestritten ist die Tatsache, dass unsere Vorfahren vor 70 Jahren mit allen Auswirkungen, die der Nationalsozialismus nach sich zog, im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben haben, aber eben nicht ruhmreich oder anerkennenswürdig. Wer heute den Nationalsozialismus oder gar den Holocaust leugnet oder abmildert, brandmarkt sich selbst als Ignoranten niedrigen Bildungsniveaus oder gleich als Menschenfeind. Es gibt nur zwei positive Dinge, die wahrhaft aus der Zeit des Dritten Reiches entwachsen sind: der Mut, trotz aller Gefahren doch menschlich zu sein und sich damit opportun gegen die Nazis zu stellen, sowie die heute weit verbreutete Erkenntnis, dass dieses System, diese Weltanschauung und alles, was die Nazis an Menschenfeindlichkeit ausmachten, nichts Positives und nichts Wertiges hervorgebracht hat. Es gibt keinen Mehrwert durch Menschenhass!

Kollektivschuld

Leider tragen wir kollektiv als deutsche Nachfahren mit unserer Historie Heute noch viel Schuld mit uns herum, jedenfalls wird es von einigen Seiten von uns erwartet. Dies hat einen starken Einfluss auf unsere eigene Selbstwahrnehmung damit direkt auf unser Verhalten. Man ist mitunter eingeschränkt im Tun und Reden und der Makel des Antisemitismus haftet schnell an der eigenen Weste, wenn man etwas sagt, was die Opferrolle der Juden auch nur streift. Denn auch dies darf und muss gesagt werden: heute ist kaum mehr ein Deutscher am Leid der damals Verfolgten und Ermordeten Menschen verantwortlich zu machen: die meisten leben einfach nicht mehr und alle nach dem Krieg geborenen sind schlichtweg nicht kollektiv zu beschuldigen. Wofür auch? In Deutschland geboren zu sein ist letztlich für jeden Zufall, Glück und manchmal Bürde. Letztlich bleibt aber – dies eint die Menschen aller Kulturen – die Verantwortung, mit allen Menschen achtsam und respektvoll umzugehen.

Ich für meinen Teil trete zum Beispiel Angehörigen des jüdischen Glaubens gegenüber nicht prinzipiell anders auf, als Anderen. Jeder Mensch ist gleichwertig und unsere Religionsfreiheit impliziert grundsätzlich Toleranz, was mir nicht schwer fällt. Im Gegenteil: ich habe den Austausch unterschiedlicher Religionen untereinander immer sehr geschätzt und die Chance aus der gelebten Vielfalt erkannt: Unterschiede können zwar zu Herausforderungen werden, aber eben an diesen wachsen wir.

Meine innere Abwehr gegenüber der Betrachtung, jeder Deutsche wäre prinzipiell als Nachfahre der Nationalsozialisten – wenigstens in zeitlicher Abstammung und als „in-Deutschland-geborener“, ebenso mitschuld, ist stark. Ich fühle mich mit dem Dritten Reich ideologisch in keinster Weise verbunden und die damaligen Greueltaten sind in ihrer Intensität und dem gigantischen Ausmaß kaum zu begreifen. Glücklicherweise ist diese Geschichtsepisode im Vergleich bestens beleuchtet, analysiert und nachgewiesen. Auch mit aller weltverschwörerischer Kraft kann man nichts gegen die Faktenlage ausrichten: wie wichtig. Eine kritische Betrachtung kann und darf sicherlich zugelassen sein, aber eben auf wissenschaftlicher Basis und breit gefächert; Glaube hat hier nichts zu suchen.

Was hat es also mit dieser Schuld auf sich, die seit Jahrzehnten durch unser Land geistert und ganze Generationen belastet? Ich möchte bewusst die Generationen ausklammern, die aktiv beteiligt waren, denn hier hat es bereits viel Aufklärung gegeben, viele Urteile und auch Wiedergutmachung – so dies überhaupt möglich ist. Betrachten wir also die Nachkriegsgeborenen mit der bereits erwähnten Kausalitätsbrille, müssen wir deutlich sagen: woran sollen wir Schuld sein? Selbst wenn wir biologisch anerkennen würden, dass eine Gesinnung genetisch weitergegeben werden könnte, bleibt letztlich zu bewerten, wie sich jemand effektiv verhält: es braucht also immer eine Tat, um einen Richterspruch zu fordern. Aus meiner Überzeugung heraus kann niemand für seinen geografischen Geburtsort verurteilt werden, denn es ist keine aktive Tat, die man selbst geplant hat. Andernfalls lägen wir einige Meter näher an der Unlogik der Rassengesetze der Nazis, die – kritisch betrachtet – eine unsinnige und mehr als löchrige Argumentationskette anführen, warum wer lebenswert sei, oder eben nicht. Menschenfeind zu sein, heißt inkonsequent zu denken.

Ist Schuld Kopfsache?

Ist Schuld vielleicht etwas, was man erlernen kann? Eine Einstellung sozusagen, etwas, wozu ich mich entscheide oder was ich hinnehme? Etwas von Außen aufgebürdetes oder herangetragenes? Wenn ich jemanden töte, breche ich geltendes Recht einer Gesellschaft und werde juristisch belangt. Man zieht mich also zur Verantwortung für meine Taten: hier bin ich konform. Schuld ist aber etwas anderes, auch wenn es für ganz viele Menschen ganz schwer zu greifen oder gar zu akzeptieren ist. Schuld ist eine Einstellung, die dann eingenommen wird, wenn es Täter und Opfer gibt. Diese Betrachtung ist mit Sicherheit so alt wie die Menschheit selbst und hat durch das Aufkommen verschiedenster Religionen weltweit groß an Raum gewonnen. Interessanterweise ist unser Planet geprägt von Vielfalt und damit kann keine eindeutige Schablone angelegt werden, denn sie passt einfach nicht an die unterschiedlichen Maßsysteme. Es muss also etwas geben, das ein Schuldgefühl auslöst und damit die bekannte Kette ingang bringt. Meiner Ansicht nach müssen wir wohl hinnehmen, dass wir etwas in uns Tragen, dass anfällig für Opfer- & Schuldgedanken ist, sich teilweise sogar wie ein Magnet verhält, der genau das anzieht.

Aus meiner Lebenserfahrung heraus würde ich mich klar dafür aussprechen, dass es Schuld energetisch nicht gibt. Es ist keine Energieform, keine Schwingung, nichts was vererbt wird, sondern eine Facette, die uns biologischen Lebensformen inne ist und man gemeinhin dem Ego zuschreiben kann. Also der „Ich-bin-wichtig“-Aspekt im Kopf, der immer wieder Anerkennung und Aufmerksamkeit benötigt, der mit Kritik so gar nicht umgehen kann und auch sonst ist die machtlose Position gegen äußere Einflüsse wohl eine der bequemsten Leidenspositionen, die das Ego erzeugen kann: wer Opfer ist, hat keine Verantwortung und muss nicht aktiv werden. Wer nicht aktiv ist, kann nichts verändern und wer nichts verändert bleibt in dem Zustand, den man auch Teufelskreis nennen kann.

Einmal in Deutschland geboren ist man eben schuld am Leid der Opfer des Nationalsozialismus. Macht das Sinn? Nein, aber die Opferrolle derer, die an die Schuld der Deutschen glauben, sorgt für deren Verhalten uns gegenüber und unsere Opferrolle tendiert dazu, sich schuldig zu fühlen. Es dreht sich um sich selbst. Wir müssen die Auswirkungen dieser Zeit natürlich weiterhin erkennen, annehmen und weiterhin aufklären – aber eben nicht nur mit unserer Vergangenheit im Auge, sondern geschichtshistorisch auf alle Völker und Gruppen bezogen.

Verantwortung als Gegenkonzept

Um eines an dieser Stelle klar zu sagen: Schuld abzulehnen ist nicht (!) gleichbedeutend mit Verantwortung abzulehnen. Mit unserem geballten Wissen von Heute, der weltweiten und weitestgehend offenen Kommunikation, der vielen Betrachtungsmöglichkeiten aus verschiedenen Perspektiven, kommt uns Menschen als Nachfahren des Nationalsozialismus eine große Aufgabe zu, die man eben Verantwortung nennt. Schuld ist niemals aktiver Antrieb für eine positive Lebensveränderung. Schuld ist Hemmnis, Ignoranz und Negativität. Demgegenüber ist Verantwortung wertfrei und Basis für den achtsamen Umgang auf Augenhöhe mit seinen Mitmenschen, um sich weiterzuentwickeln. Es ist klar, dass wir das damalige Leid niemals wieder sehen wollen, weder bei uns noch woanders. Mit der Prägung durch das Wissens um die Vergangenheit sind wir angehalten, aufklärend, stärkend, stützend, schützend und entwickelnd in die Welt zu gehen, damit wir es besser machen. Nicht missionarisch, sondern verantwortungsvoll anderen helfen. Dies wird nur klappen, wenn wir als Deutsche, Europäer oder Angehörige des „westlichen Kulturkreise“ all jene Verhaltensweisen gegenüber der Welt beenden, die andere Menschen zu Opfern degradieren. Auch dies gehört dazu, wenn man Schuld ablehnt: man muss sein Verhalten umso kritischer betrachten und dann bei sich beginnen, Veränderungen zu bewirken. Im Kleinen: zaghaft, kontrolliert und mit Augenmaß für Friede, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit und Achtsamkeit.

Wer Schuld anderen vorwirft, traut sich selten, sich selbst wahrhaft im Spiegel zu betrachten. Wer Israels Verhalten heute beobachtet, darf ebenso kritisch sein wie man kritisch gegenüber den USA, der Türkei oder Deutschland sein muss. Sicherlich sind die Themen und ihre Ausprägung oftmals unterschiedlich, im Kern geht es aber immer um die Überbewertung und Überhebung der eigenen Gruppe. Was die Welt jetzt braucht ist kein Schuldeingeständnis für was-auch-immer, sondern eine Absage an imperiales Denken, der Überzeugung, man wäre etwas mehr wert als Andere und die Auflösung des kolonialen Gebarens: die Welt ist nicht der Rohstofflieferant für die dekadente, gierige, westliche Welt. Auch das hat uns der Nationalsozialismus gelehrt: die anderen sind nicht Sklaven für unser Wohlbefinden. Die Welt ist aber auch nicht der große Feind gegen die eigene religiöse Ausprägung, welcher Art auch immer. Man muss Unrecht benennen dürfen, insbesondere bei sich selbst, seiner Grupper, seinem Land, seinem Kontinent, seiner Welt. Aufklärung und Bildung sind Fundamente für ein harmonisches Miteinander. Zerstört wird diese Harmonie durch Schuld – im Großen wie im Kleinen.

Schuld ist Einstellungssache – ist also denkbar. Durch Perspektivenwechsel kann sich dies bereits ändern, ohne das die Faktenlage sich ändert. Wahrnehmung ist eine große Herausforderung, um sich kritisch zu hinterfragen: was sind Ursache und Wirkung? Als Folge einer selbstkritischen Analyse wird man unausweichlich gewohnte Verhaltensweisen ändern und offen, genau hinschauend, dortin gehen, wo man anpacken muss. Die große Individualität unserer Zeit äußert sich dadurch, das jeder von uns seinen Platz hat, an dem er wirken soll. Im Großen wie im Kleinen. Wir Alle haben jetzt die Verantwortung, das Ruder herumzureißen, denn DAS ist Verantwortung: man ändert etwas, was Anderen Leid zufügt.

Betrachten Sie alles einmal aus einer anderen Brille.
Stephan Keßler

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