Was man von der Corona-Pandemie lernen kann und wo die Grenze erreicht ist.

Wenn man die Themen Corona, Pandemie, Maßnahmen und Impfen gesamtheitlich betrachtet, muss man attestieren, dass es am Ende dann doch auf die Sp(r)itze getrieben wurde. Manche haben dies mit ihrer Berichterstattung forciert, andere mit ihren Taten unterstützt und wieder andere empfinden alles als Belastung, Bevormundung, Druckausübung und Entrechtung. Auch der Umgang von Impfbefürwortern mit Verschwörungsideologen und Impfgegnern ist grenzgängig, manchmal aus Verzweiflung, manchmal aus Wut, manchmal aber auch aus Überforderung. Vielleicht kann man vieles irgendwie nachvollziehen und Erklärungsversuche finden, aber am Ende müssen unangenehme Fragen geklärt und der Mut gefunden werden, Entscheidungen zu treffen, die das Wohl aller im Auge haben. Das gesundheitliche – nicht das finanzielle. Beachtlich, wie sehr sich eine Gesellschaft wegen einer Impfung spalten kann und in Wahrheit zeigt sich durch die Pandemie, wie unsere Gesellschaft wirklich tickt.

Überraschenderweise stellt dieser Beitrag das Ende einer Trilogie dar, die als solche gar nicht geplant war. Es begann mit dem Beitrag „Runter vom Kausal-Sockel oder: komm mit mir ins Aberglaubeland. [Update]“, wurde mit „Leckgeschlagen: wenn eine Freundschaft untergeht.“ fortgesetzt und endet in einem Finale, welches wie ein Drama anmutet.

Am 01. Dezember 2021 jährt sich der erste bekannte Corona-Fall ein zweites Mal und am 11. März 2022 begehen wir wenig hoffnungsvoll das dritte Jahr mit Corona in unserer Mitte. Mittlerweile verzeichnen wir insgesamt etwas über 97.000 Todesfälle alleine in Deutschland bei mehr als 4,9 Millionen Infektionen, die dem Robert Koch-Institut (RKI) bundesweit gemeldet wurden. Da man nicht jede einzelne Infektion über eine Autopsie abklärt, dürfe die Dunkelziffer höher liegen, dennoch bleiben kanpp 5 Millionen Infizierte eine stattliche Zahl. Die kumulative Zahl bestätigter Infektionen weltweit wird seitens statista mit 252 Millionen angegeben – die der weltweiten Toten mit 5 Millionen. Wer die letzte Zahl glaubt, wartet auch noch auf den Weihnachtsmann – in vielen Bereichen auf unserer Erde gibt es gar keine funktionierende Dokumentation von Infektionen, Verläufen und Toten. Ich persönlich schätze, dass wir noch die zweistellige Marke überschreiten werden (Meinung). In Europa gehören wir -bezogen auf die gemeldeten Infektionen- zu den Spitzenreitern, was mich noch vor einem Jahr gewundert hätte. Betrachte ich heute jedoch die Art und Weise des öffentlichen Diskurses und die emotionale, mediale Berichterstattung, muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass es nicht verwundert. In Wahrheit erfüllen sich alle unsere Befürchtungen und werden, je nach Sichtweise, noch übertroffen. Die dramatischen, apokalyptischen und unheilsschwangeren Vorsehungen der Weltuntergangsvisionäre haben sich nicht bewahrheitet. Besonders mit Blick auf das Minenfeld der sozialen Medien muss man die Frage stellen: Wer ist gefährlicher: der wütende Volkszorn oder das Virus? Der Volkszorn hat bislang „nur“ sehr wenige Tote auf dem Gewissen, hinsichtlich Ansteckung dürfte er dem Virus jedoch in nichts nachstehen und ein schwerer Verlauf ist in beiden Fällen sehr unangenehm.

Was in unserem technologisch fortschrittlichen Land passiert ist, könnte man vielleicht als Wohlstands-Spleen bezeichnen, wenn der Spleen nicht so menschenverachtend und menschenfeindlich aufträte und Lage der Gesundheit nicht so kritisch wäre. Bevölkerungen, die in erster Linie um das Überleben kämpfen, sind vermutlich auch abergläubisch (aufgrund geringer Bildung) und mit engen Glaubenssätzen unterwegs. Wer die Mahlzeit des Tages für die vielköpfige Familie erkämpfen muss, wird sich nicht in verschwörungsmythischem, pseudophilosophischem Geschwurbel ergeben und ausleben – dafür steht einfach keine Zeit und Energie zur Verfügung. Natürlich ist mangelnde Bildung eine große Hürde auf dem Weg zur fortschrittlichen, offenen und toleranten Gesellschaft, aber wenn diese zivilisatorische Errungenschaft erstmal erreicht ist, hat der Bürger plötzlich viel Zeit und Möglichkeiten, sich den Mythen zuzuwenden. Das hieraus allein bereits religiöse Gruppen und Gemeinschaten entstehen können und sogar Sekten aller Art ist bekannt und auch bei uns zu beobachten. Es gibt also unbestreitbar einen starken Drang in einem größer werdenden Teil der Bevölkerung, sich phantastischen Erzählungen und Traumwelten hinzugeben. Durch das immer weiter verbreitete Internet mit all seinen Informationsdiensten, sozialen Netzwerken und Parallelwelten haben auch die Marktschreier und Geltungsbedürftigen ihr Publikum und eine breite Bühne für sich entdeckt. Dem Lauten wird eher zugehört, sagt man gerne und Wer lauter ist, hat mehr Recht sind bekannte Sätze, die sich an digitalen Litfaßsäulen bestätigt finden. Komplexe Themen verwässern zu dünnen Allgemeinlösungen, weil hohe Konzentrationen von Faktenwissen nicht mehr zu sich genommen werden. Deren Verdauungszeit ist einfach zu lang. Harte Wahrheiten verträgt der wenig belastbare, oberflächliche Überschriftenleser nicht mehr, warum auch, wenn sich mit eindringlichen Großbuchstaben Menschen zweckdienlich aufhetzen lassen. Man kann und muss die Bild und ähnliche Medien dafür schwer kritisieren, denn sie haben eine emotionale Wirklichkeitsverzerrung so in den Köpfen ihrer Abonnenten als Muster eingespeichert, dass nun deren Kinder des Zorns in eigene Boulevardmagazine und Wahrheitsministerien erwachsen.

Besonders die alternativen Nachrichtenportale sind zu nennen, wenn es um Hetze, Treiberei und Aufwiegelung geht. Gerade auf Youtube sind einige Leute unterwegs, die sich ganz bewusst seriös inszenieren, pseudophilosophisch daherreden und im Grunde nichts faktisches Aussagen und nur Zweifel säen, damit die Blase nicht platzt. Außerdem scheint es einträglich zu sein, was bei Schwurblern natürlich etwas ganz anderes ist, als bei öffentlichen Medien, die ja sowieso alle gleichgeschaltet sind. Wenn zwei das gleiche tun, ist es eben nicht dasselbe.

Natürlich reicht es zu kurz, der Bild (und anderen) die Alleinschuld zu geben, sind sie doch auch selbst Konstrukte, die aus einem Interesse heraus erwuchsen und eine breite Nachfrage vorfanden. Das Feld musste nur noch bestellt werden. Der Deutsche ist ein Opfermensch, der die Schuldgesellschaft durch eigenes Handeln immer wieder füttert und selbst durch diese Nahrung erhält. Der Kreislauf funktioniert hervor- aber nicht herausragend. Immer muss jemand schuld sein, der Böse, der Täter, auf den man seine innere Wut projizieren kann, denn man ist ja selbst ein Opfer äußerer Umstände und per se ausgeliefert. So findet man sich sprachlos wieder vor Unfaßbarkeit, weil Menschen auf die Idee kommen, sich mit den verfolgten, gefolterten, ausgelieferten und zahlenmäßig stark vernichteten Juden zur Zeit des Nationalsozialismus zu identifizieren, weil man ein vergleichbares Schicksal zu empfinden meint. Letztlich mag man in Deutschland doch verzweifeln wegen dieser geschmacklosen Krone der Opferrolle. Es gibt vermutlich keine schlimmere Entgleisung als jene, sich als Bürger dieses Landes mit all seiner Historie als Ungeimpfter in einem Lager konzentriert vorzukommen, mit Ungeimpftstern auf der Brust und aller Rechte beraubt, sterbend zurückgelassen wie Ratten, die eine Seuche verbreiten.

Was dem jüdischen Volk von damals widerfuhr, ist pure Entmenschlichung bis zum bitteren Ende, welches man noch insoweit pervertieren musste, als dass man an Kindern, Schwangeren und Menschen mit Handicap noch medizinische Versuche durchgeführt hatte. Als ich das Buch „Der SS-Arzt und die Kinder“ las, kamen mir die Tränen, weil es so unvorstellbar grausam ist zu wissen, dass Menschen zu solchen Taten fähig waren. Wie aufgebläht ein Ego sein muss, um die eigene Opferrolle mit diesem Extrem zu vergleichen und dadurch noch Befriedigung zu empfinden? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Der ganze Juden-Vergleich ist allumfassend so beschämend und unrichtig, dass man eigentlich nur einen Aspekt der Geschichte herauslösen und Ihnen ins Gesicht werfen mag: die Judenfrage war keine Seuchenfrage, sondern die Endlösung. Es ging gezielt um die Ausmerzung einer bestimmten Menschengruppe, also Auslöschung. Leuten die so etwas von sich geben dürfen wir keine Bühne geben! Hier endet meinem Empfinden nach, die freie Meinungsäußerung und es ist auch der, aus der Geschichte heraus an uns gestellte Auftrag, aufzuklären, zu mahnen um solches Gedankengut im Keim zu ersticken. Es kann nicht sein, dass wir unsere freiheitlich-demokratischen Grundwerte aufgeben für die Mentalität: Freiheit über alles, auch über andere Menschen.
Ich will in keiner Anarchie leben.

So sehr ich jeden Sterbefall in unseren Reihen betrauere und jede Verzweiflung bedaure, so sorge ich mich mittlerweile mehr um den Rechtsruck, den radikalen Egoismus und die große Unsolidarität einer wohl weiter wachsenden Minderheit, als um das Corona-Virus, welches einigen unter uns noch viele Tränen und Entbehrungen abverlangen wird. Und das in Zeiten, in denen Krankenhäuser unterbesetzt sind und es nicht genügend Therapiemöglichkeiten geben wird – beides (und vieles mehr) werden wir noch ganz bitter benötigen.

Bleibt gesund und lasst Euch impfen.
Passt gut auf einander auf.
Sprecht miteinander.
Stephan Keßler

Quellen:

„Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus (COVID-19) in Deutschland nach Alter und Geschlecht (Stand: 11. November 2021) auf statista“ – Link zur Webseite

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2 Antworten auf „Was man von der Corona-Pandemie lernen kann und wo die Grenze erreicht ist.“

  1. Gut dargelegt und geschrieben, Stephan! Dazu und zu denen, die meinen, dass uns die Freiheit durch eine Impfpflicht genommen würde:
    Kaiser Wilhelm führte 1874 eine reichsweite Impfpflicht gegen Pocken ein. Vorher starben 70.000 Kinder/Jahr an Pocken…
    (Dabei: Ich möchte nicht missverstanden werden – so nach dem Motto: Wir wollen Kaiser und Reich wiederhaben)
    Weltweit sind viele Geißeln der Menschheit nur durch staatlich angeordnetes Impfen (fast) ausgerottet worden. Auch: Als ich in die erste Schulklasse kam, musste ich (alle Erstklässler) gegen Kinderlähmung geimpft sein…
    Darf nicht die eigene Freiheit nur so weit gehen, wie sie nicht einen anderen seiner Freiheit beraubt!?!
    Ich denke, das wir durch unsere Impfungen viele Leben “gerettet” haben!

    1. Liebe Barbara, vielen Dank für Dein Lob und Dein Feedback, dass ich voll und ganz teile.
      Durch das Aufkommen der Pandemie musste ich mich -so wie viele andere auch- recht umfassend und umfangreich informieren: über Viren, Ansteckungen, Gefahren die sich aus einem schweren Verlauf ergeben, Impfstoffe, etwaige Nebenwirkungen, Besonderheiten und Vorraussetztunf und viel über Verordungen, Regelungen sowie Gesetze, die zu befolgen waren. Hieraus hat sich mir auch eine neue Informationsfülle ergeben, die ich sehr schätze. Ein Nebeneffekt der Recherchen war natürlich der Kontakt zur Queerdenker-Szene, Impfgegner, Leugner und Verschöwungsmythikern. Mehr und mehr erfuhr ich über die Hintergründe der Impfgegner, von denen ganz viele ihre Ursprünge in der Antroposophischen Haltung haben, aber auch viel in der Waldorf-Ideologie begründet sind.
      Es ist erschreckend, wie diese Leute auftreten und argumentieren, wenn man dieses Wort verwenden mag. Durch Corona merken wir sehr deutlich, wie gefährlich es ist, sich von wissenschaftlicher Forschung und Auswertung abzuwenden und religös geprägten Glaubenssystemen nachzueifern.
      Sollte die neue Variante, die gerade im Süden Afrikas erwächst sich als so gefährlich herausstellen, wie jetzt schon vermutet wird, werden wir noch lange auf der Welt an diesem Zahn zu nagen haben … bis die Bevölkerung in Summe eben den Sprung auf die nächste, geistige Ebene schafft.

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