‚A Plague Tale – Innocence‘ ist eine atemberaubende Reise für alle Sinne und besonders das Herz (Spielrezension #2)

A Plague Tale – Innocence hatte mich nach dem ersten verschlungenen Trailer schon so hungrig gemacht, dass ich sogleich loszog, um günstig an die neue Mahlzeit zu gelangen. Der heutige, digitale Spielemarkt platzt aus allen Nähten und wirkt auf Neulinge unübersichtlich, undurchdringlich, überfordernd. Wer sich aber eine Expedition zutraut und eine Weile auf den Seiten von Spieletestern und -herstellern unterwegs ist, die großen Spiele-Platformen entdeckt hat und sich dann durch die vielen Genre und Unmengen an Anpreisungen wühlt, fühlt sich unweigerlich an einen orientalischen Basar erinnert. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, was sowohl an den vielen unterschiedlichen Zubereitungsarten, als auch an den mannigfaltigen Gewürzen, mit denen Spiele verfeinert sind, liegt. Neben Fastfood ist natürlich auch der eine oder andere suchtmachende Happen Leckeres mit dabei. Mit etwas Geduld und Selbstbeherrschung können günstige Snacks ergattert werden, wenn man denn weiß, was man will und sich entscheiden kann. Spielzeit ist eben auch Lebenszeit und manchmal fällt die Entscheidung, wieviel man davon für Games aufgeben will, schwer. Früher oder später kommt immer mal ein Spiel daher, welches einfängt und auf eine Reise mitnimmt, von der man nur schwerlich zurücktreten kann. A Plague Tale – Innocence hat mich gekriegt und die Lebenszeit war gut investiert.

Die Spielwelt schafft aus meiner Sicht einen tollen Spagat: inmitten eines historischen Settings platziert es so viel Realität und Authentizität wie nötig und nimmt sich doch künstlerische Freiheiten heraus, bei denen klar ist, dass manche davon zwar überzogen, aber durch die Story des Spiels erforderlich sind. Die Rahmenbedingungen könnten nicht unangenehmer sein: im Jahre 1348 wütet die Pest in Frankreich, eine Rattenplage macht allen das Leben zur Hölle und die Inquisition hat es sich zur Aufgabe gemacht, ausgerechnet uns – also der Heldin im Spiel: Amicia de Rune – das Leben sprichwörtlich schwer zu machen. Warum das so ist, wird im ersten Kapitel bereits klar, denn genau da fangen die Probleme an, die uns auf dem Weg bis zum Finale auch nicht mehr loslassen. Es beginnt mit dem gewaltsamen Ende unseres geliebten Zuhauses und führt zu einer Flucht, auf der unsere kleine Familie viel Leid erlebt: überall lauern Gefahren, man weiß nicht, wem man noch trauen kann, einige schlimme Kämpfe müssen ausgefochten werden und die totenkalte Hand des Sensenmannes ruhrt immerfort schwer auf unserer Schulter. Um zu Überleben müssen wir uns dem Tod stellen und obschon selbst zu töten nur ein Mittel zum Zweck darstellt, wirkt es manchmal so, als käme man ohne gewaltsame Auseinandersetzung nicht ans Ziel. Tatsächlich kann und muss man sich in der deutlich überwiegenden Mehrheit aber schleichend durch Felder, Wälder und Gebäude bewegen, clever und überlegt agieren, wobei unsere Geduld fleissig dazulernt. In hektischen Zeiten tut es gut, in digitalen Welten zu entschleunigen.

Unser kleiner Bruder Hugo muss vor allen Gefahren geschützt werden, ist selbst immer mittendrin und hilft uns beizeiten mit kleinen Hilfestellungen, damit wir voran kommen. Vor Schwert- und Lanzenträgern, die uns aufspießen wollen, müssen wir ihn schützen, zur Not eben auch mit Gewalt. Das wir ausschliesslich auf eine Steinschleuder zur Verteidigung zurückgreifen müssen, macht die Sache nicht einfacher aber umso intensiver. Für manche Probleme kann sogar Alchemie als Lösung eingesezten – schöne Idee. Bei allen Konfrontationen wird der Tod jedoch nicht verherrlicht, ganz im Gegenteil: an allen Ecken und Enden werden wir mit der kalten, aussichtslos scheinenden Sinnlosigkeit des Dramas unserer Lebensrealität konfrontiert und sind der Spannungskurve auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Immer wieder kommt die innere Frage auf: was müssen wir noch erdulden? Tatsächlich hätten mir weniger Kampfmomente besser gefallen, die in manchen Passagen, gemessen an den bescheidenen Möglichkeiten der Protagonisten, einfach deplatziert wirken. Spannend und nervenaufreibend sind sie allemal, die Stärken spielt A Plague Tale – Innocence aber genau in den ruhigen Schleichpassagen aus – die den Hauptteil des Spieles ausmachen.

Das wir in eine unheimliche, dichte und düstere Geschichte eingetaucht sind, merken wir sehr früh im Spiel und ab da an sind friedliche Erholungsmomente rar gesät. Das Leben auf der Flucht ist von Entbehrungen und der allgegenwärtigen Gefahr geprägt, entdeckt zu werden. Amicia und Hugo kommen an vielen Stellen an ihre Grenzen, verzweifeln, sind traurig und auch ganz einfach fertig mit den Nerven – ein Umstand, den ich an vielen anderen Games schmerzlich vermisse. Amicia, Hugo und die helfenden Charaktere, die im Spielverlauf auftauchen, sind durchaus authentisch, kleine Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, die man durchaus symphatisch findet und mit ihnen leidet, wenn es ans Eingemachte geht.

Drama entsteht aus stimmiger Musik und grandioser Inszenierung

Der Hersteller Asobo Studio ermöglicht die Identifizierung mit den Charakteren im Spiel mittels sehr dichter Atmosphäre und einem immersiven Spielgefühl. Man bekommt nur mit, was man selbst erlebt oder durch Erzählungen von Nichtspielercharakteren. So decken wir in jedem Kapitel mehr von den Zusammenhängen und den Hintergründen auf, während die Welt um uns herum zusammenbricht. Spielt man dieses Spiel jetzt (zu Zeiten von Corona), mag die Frage im Halse steckenbleiben, wie die Menschen von damals die Pest mit all ihren Folgen aushalten konnten, ohne verrückt zu werden. Aber vielleicht liegt genau hier der Hund begraben: manche scheinen tatsächlich dann Fanatismus und Aberglaube nachzugeben, wenn Druck und Angst übergroß werden. Das wir selbst im Spiel fast Opfer einer Lynchjustiz werden, verwundert mit dem Wissen von heute nicht mehr.

Die Inszenierung der gesamten Reise von Amicia, Hugo und ihren Begleitern ist so gut gemacht, dass man immer mittendrin ist, immer emotional einbezogen – wenn man sich auf das Spiel einläßt. Einfach nur unbeteiligt die Story runterspielen wäre zu schade, denn A Plage Tale – Innocence ist definitiv ein Story-Telling-Game, hervorragend inszeniert mit einer meisterlichen, musikalischen Begleitung. Wer mitten drin ist, hat mehr Spielqualität und genau dabei geht es diesem Weglaufspiel. Mit seiner Musik, die alle Aspekte des Spiels perfekt mittels echter Instrumente begleitet, schafft Komponist Olivier Deriviere sicherlich einen Meilenstein in der Game-Soundtrackwelt. Erlebte Traumata sind mittels wuchtiger, exzessiver Streicher gesteigert und Amicias Trauer sowie Verzweiflung könnten nicht besser untermalt werden, wie es hier geschehen ist. Für Fans des Spiels und mehr noch der Musik habe ich die Deluxe-Edition im Quellenbereich am Ende des Beitrages verlinkt. War mir jedenfalls ein Kauf wert. Glücklicherweise kann man den Score auf Spotify test-hören. Anspieltipps sind 02 – Father, 04 – In Shock und 06 – Orphans … für einen ersten Eindruck.

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Licht & Schatten

Ein ganz wesentlicher Faktor für das immersive Spielgefühl ist die wunderschöne, tragende Lichtstimmung aller Kapitel, die fast immer perfekt ist und wo sie es nicht ist, liegt das Niveau immer noch so hoch, dass man beruhigt von Jammern-auf-hohem-Niveau sprechen kann. Wir erleben alle Tageszeiten in tollen Farben, alle Gegenden sind schön abgestimmt und der Lichtschein von Fakeln ist teilweise unsere einzige Lichtquelle und gleichtzeitig letzter Grund, warum wir noch leben. Selbstverständlich sind Geschmäcker verschieden und nicht jeder mag etwas greller oder satter gezeichnete Szenen, etwas mehr Gebrauch von Leuchten und Glühen, aber ehrlich gesagt habe ich in vielen Spielen auch schon deutlich mehr Überzeichnung erleben müssen. Während ich Amicia durch die Levels steuerte, hat es mich jedenfalls nicht gestört, sondern vielmehr in den Bann gezogen und je nach Level auch die nötige Stimmung bei mir erzeugt.

Die lineare Levelarchitektur habe ich als sehr sinnig und toll umgesetzt empfunden. Open World hätte keinen Sinn gemacht und alternative Routen und Spielenden eigentlich auch nicht. Ich glaube, auch Nebenquests hätten den Spielfluss unterbrochen und so am Ende eher geschadet als geholfen. Ein großer, aus der Linearität des Spieles gezogener, Benefit ist definitiv die als straff empfundene Spielzeit. Da man immer unterwegs ist und etwas erlebt, bleibt man am Ball, verliert sich also nicht in öden Wiederholungen – es sei denn man scheitert oft an bestimmten Stellen. Gerade die Ortswechsel aufgrund der Kapitelsprünge überraschen immer wieder aufs Neue und schaffen, im Laufe des Spiels, regelrechte Vorfreude. Da man fortlaufend mit etwas Unerwartetem konfrontiert wird, intensiviert sich das Spielgefühl.

Für mich sind alle Örtlichkeiten sehr gelungen, Dörfer & Städte sehen allerdings aufgrund der vielen, vielen Details atemberaubend aus und wirken immersiv. Die Natur ist -vegetativ gesehen- dicht dargestellt: überwucherte Ruinen, Bächläufe, Höhlen und Berge erschaffen stimmungsvolle Panoramen. Von Menschenhand errichtete Prachtbauten sind glaubhaft und toll dargestellt. Gäbe es keine Gegner im Spiel, könnte man A Plage Tale – Innocence auch als Wander-Simulation hernehmen. Das Spiel beweist, dass gekonnte Pinselstriche -künstlerischer Raffinesse entsprungen- sich nicht vor höchstem Realismus verstecken brauchen. Wirkung zählt!

Die Kantenglättung ist mir leider unangenehm aufgefallen: hier hätte eine etwas hochwertigere Technologie viel Beruhigung ins Bewegtbild gebracht. Auf der anderen Seite ist A Plague Tale – Innocence neben PC- eben auch ein Konsolenspiel und an deren technische Anforderungen geknüpft. Man kann nicht alles haben und wer eine potente Grafikkarte verbaut hat, kann immer noch die virtuellen Auflösungen aktivieren, und die flimmernden Kanten dann doch loszuwerden.

Die Charaktere sind detailliert ausgearbeitet und präsentieren sich hochaufgelöst. Ein kleines Minus mag die Animation der Mimik sein, die etwas lebendiger hätte ausfallen können, aber auch das ist eher meckern auf hohem Niveau. Das Ergebnis ist sehr in Ordnung, denn jede Figur strahlt eine eigene Persönlichkeit aus, die man gut von Anderen unterscheiden kann: sieht toll aus!

Wie alt sollte man für A Plague Tale – Innocence sein?

Das Spiel wird in Deutschland mit dem Siegel „USK ab 16“ beworben; folgt man der Empfehlung von PEGI erhöht sich die Empfehlung auf 18 Jahre. Ich, als Vater von zwei Kids, kann mit der 16er-Freigabe für unser Land gut leben. Früher würde ich das Spiel nur im Ausnahmefall zugänglich machen, ob man 18 sein muss, halte ich für übertrieben. Es gibt zwar viele explizite Darstellungen und Handlungen mit und um Gewalt, jedoch eingebettet in ein Setting, dass überwiegend realistisch wirkt, abgesehen von der übersinnlichen, fantastischen Erzählung, der wir folgen. Hieraus ergibt sich für mich eher ein historisch fundierter Realismus, als ein gewaltverherrlichender, wie wir ihn beispielsweise von miesen, fiesen Folterfilmen her kennen. Trotzdem sollte man nicht zu sorglos mit diesem Spiel umgehen: durch die Tiefe der Story gelingt die Identifikation mit Amicia und Hugo sicherlich deutlich besser und die Inquisition wird visuell wie vom Wertesystem her deutlich boshafter und negativer dargestellt, als sie tatsächlich war. Ich denke nicht, dass die meisten Jugendlichen der Jetztzeit mit A Plague Tale – Innocence überfordert sein werden, aber falls man weiß, dass das eigene Kind ein zittriges Nervenbündel ist, schadet es nicht, dieses Game noch oben drauf zu legen.

Sehr interessant empfinde ich die Möglichkeit, das Spiel in den drei voll vertonten Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch erleben zu können – allesamt mit frei wählbaren Untertiteln. Für sprachliche interessierte oder auch nur um sein Englisch/ Französisch etwas aufzubessern kann das ein guter Grund zum Zugreifen sein.

Von meiner Seite kann und muss ich -wieder- eine uneingeschränkte Spielempfehlung aussprechen – auch für Einsteiger. Selten hat mich ein Spiel so emotional auf allen Ebenen abgeholt und mitgenommen.

Auf welchen Platformen ist A Plague Tale – Innocence verfügbar?

Glücklicherweise kann zwischen vielen technischen Möglichkeiten gewählt werden, um dieses Spiel zu geniessen: Microsoft Windows, Playstation 4 & 5, Xbox One & Xbox Series sowie Nintendo Switch. Meine Rezension bezieht sich auf die Windows-Version (Steam), mit der man ebenfalls per Controller fliehen kann – die Umsetzung ist sehr gut gelungen. Die Grafikpracht könnte aufgrund der vorhandenen Spieleleistung natürlich von System zu System variieren.

Screenshots aus „A Plague Tale – Innocence“

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Weiterführende Links:

Webseite der Entwickler: https://www.asobostudio.com/
Webseite des Soundtrack-Komponisten: http://olivierderiviere.com/
Deluxe-Edition des OST auf Bandcamp: https://olivierderiviere.bandcamp.com/album/a-plague-tale-innocence-deluxe-edition
A Plague Tale – Innocence auf Steam: https://store.steampowered.com/app/752590/A_Plague_Tale_Innocence/

Lasst Euch nicht entdecken oder beissen!
Stephan Keßler

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